Zeitkapsel Niedersulz
2011-2041
2026 – Halbzeit
Auf den Kirchenstiegen sitzen Menschen und warten. Sie schauen zu, wie die Zeit vergeht. Mit diesen Sitzsessions und einem gemeinsamen Brunch am 4. Juli feiert die Gruppe tanzbodn die Halbzeit der „Zeitkapselvergrabung“, die im Jahr 2011 am Dorfplatz in Niedersulz stattgefunden hat.
Zeit vergeht: Montag, 29. Juni bis Freitag, 3. Juli 2026, tagsüber
Brunch: Samstag, 4. Juli 2026, 9.30 bis 12 Uhr
beides: am Dorfplatz in Niedersulz
Vom Bleiben im Vergehen
Vor 15 Jahren hat die Gruppe tanzbodn gemeinsam mit der Dorfbevölkerung von Sulz im Weinviertel in einem Gesprächsprozess und während eines Festes die Frage nach dem Bleiben vertieft. Einige von uns haben die Ergebnisse dieses Nachdenkens darüber, was von uns bleiben sollte und was eine nachkommende Generation von uns zu sehen bekommen sollte, im Sommer 2011 in symbolischer Form in eine Zeitkapsel gelegt. Diese befindet sich am Dorfplatz in Niedersulz und wird voraussichtlich im Sommer 2041 geöffnet.
Viele von uns können sich an das Fest damals erinnern, einige, die etwas in das Erinnerungsbehältnis gelegt haben, leben nicht mehr. Anlässlich der Halbzeit dieses Geschehens finden wir uns wieder an diesem Ort zusammen. Dieses Mal liegt der Schwerpunkt darauf, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Zeit vergeht. Vom 29. Juni bis zum 3. Juli werden immer wieder Menschen bei der Zeitkapsel sitzen und die Zeit vergehen lassen. Wer sich dazugesellen mag, ist herzlich eingeladen.
Die Einladung gilt auch für den abschließenden Brunch auf dem Dorfplatz. Für die Infrastruktur und Getränke sorgt die Gruppe tanzbodn. Bitte bringt Essen zum Teilen mit!
Zeit vergeht
Vergänglichkeit ist kein lautes Thema. Sie flüstert und zeigt sich oft erst, wenn etwas fehlt: ein Platz am Tisch, ein vertrauter Schritt auf dem Gang, ein Atemzug, der anders klingt als gestern. Als Krankenhausseelsorgerin begleitet mich Vergänglichkeit täglich: Sie sitzt an Betten, steht in Türen, geht mit durch die Räume. Doch sie ist auch Lehrmeisterin.
Alles Lebendige ist auf Zeit. Wir wissen das, leben aber oft so, als sei das Morgen garantiert. Wenn der Körper schwächer wird oder Diagnosen gestellt werden, rückt die Frage näher: Was bleibt, wenn vieles geht? Was trägt, wenn Sicherheiten brüchig werden?
Vergänglichkeit erinnert uns daran, dass wir nicht alles festhalten können. Sie lädt ein, loszulassen, ohne zu resignieren. Sie öffnet den Blick für das Jetzt: für diesen Tag, diesen Menschen, diesen Atemzug. Sie nimmt die Illusion der Unendlichkeit und schenkt Tiefe.
Wenn wir tanzbodn – Mitglieder am Dorfplatz sitzen und quasi der Vergänglichkeit nachspüren, dann tun wir das auch deshalb, um zu schauen: was passiert hier an dieser Stelle, wer oder was lebt hier? Wir betrachten den Kontext dieses Ortes und hören intensiv auf die Geräusche des täglichen Lebens, der Natur und der eigenen Gedanken, ohne sie schnell zu analysieren oder zu urteilen.
Wir machen Pause, um nichts zu tun, aufmerksam zu sein und uns daran zu erinnern, wer wir sind.
Martha Plößnig